Wechselwirkungen mit HIV-Medikamenten 1

Wechselwirkungen – Was ist darunter zu verstehen?
Medikamenteneinnahme – Was passiert in meinem Körper?
Auswirkungen – Welchen Einfluss haben Wechselwirkungen auf den Therapieerfolg?
Kombinationstherapie – Können alle HIV-Medikamente kombiniert werden?
Wichtigste Vorsichtsmaßnahme – Sprechen Sie ehrlich mit Ihrem Arzt/Ihrer Ärztin!
Legal, illegal ... – Egal - Drogen sind ein schwer abzuschätzender Risikofaktor!
Na Mahlzeit! – Wie wichtig sind Ernährungsvorschriften?
Checkliste – Worauf soll ich besonders achten?

Wechselwirkungen – Was ist darunter zu verstehen?

Bei gleichzeitiger oder nur gering zeitlich versetzter Einnahme mehrerer Medikamente kann es passieren, dass sich die in diesen enthaltenen Wirkstoffe gegenseitig beeinflussen. Die Wirksamkeit der Medikamente kann dadurch verstärkt oder verringert werden, oder es kann zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen. Wechselwirkungen (sogenannte Interaktionen) können allerdings nicht nur zwischen zwei oder mehreren Medikamenten, sondern auch zwischen Medikamenten und Nahrungsmitteln oder Medikamenten und Drogen auftreten.

nach oben


Medikamenteneinnahme – Was passiert in meinem Körper?

Schlucken Sie z.B. Medikament A, wird der Wirkstoff über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen (Resorption) und gelangt so in die Blutbahn. Dieser Vorgang kann durch andere Substanzen (Medikament B, Nahrungsmittel, Drogen etc.) beschleunigt, verlangsamt oder verringert werden. Medikament A wirkt dann dementsprechend schneller, stärker oder schwächer.

In der Leber, werden viele Arzneistoffe umgewandelt (Verstoffwechslung, Metabolisierung) bzw. abgebaut. Die schwerwiegendsten Wechselwirkungen stehen im Zusammenhang mit diesem Umbau der Wirkstoffe, denn der Umbau kann durch andere Substanzen beeinflusst werden.

Auch in der Blutbahn kann es zu Interaktionen kommen. Manche Medikamente (A) binden an Eiweisse im Blut. In dieser gebundenen Form sind sie unwirksam. Die Dosis, in der das Medikament verabreicht wird, muss daher so gewählt werden, dass genügend ungebundener, wirksamer Arzneistoff übrig bleibt. Sind die Eiweisse aber bereits durch ein anderes Medikament (B) besetzt, ist eine ungewöhnlich große Menge von Medikament A ungebunden im Blut vorhanden. Eine Überdosierung kann die Folge sein.

Viele Arzneistoffe wirken über Rezeptoren (= Aufnahmeeinrichtungen für bestimmte Reize) in unserem Körper. Brauchen zwei Medikamente die gleichen Rezeptoren beeinflussen sie sich gegenseitig in ihrer Wirkung.

Manche Medikamente werde teilweise oder gänzlich mit dem Harn über die Nieren ausgeschieden. Wird die Ausscheidung durch andere Substanzen beschleunigt oder verlangsamt, wirkt sich dies auf die Plasmaspiegel des Medikaments aus.

nach oben


Auswirkungen – Welchen Einfluss haben Wechselwirkungen auf den Therapieerfolg?

Abgesehen von Nebenwirkungen, die durch Wechselwirkungen auftreten können, besteht das Risiko, dass die von Ihnen eingenommenen Medikamente nicht optimal wirken. Gerade bei der HAART ist es aber wichtig, dass die einzelnen Medikamente ihre Wirksamkeit im vorgesehenen Ausmaß erreichen, da es ansonsten zur Entwicklung resistenter HI-Viren kommen kann (siehe ASPEKTE 9 „Resistenzen bei der HIV-Therapie“).

nach oben


Kombinationstherapie – Können alle HIV-Medikamente kombiniert werden?

Die heute zur optimalen Behandlung HIV-infizierter Menschen eingesetzte hochaktive antiretrovirale Therapie (= HAART; siehe ASPEKTE 1 „Kombinationstherapie“) besteht aus einer Kombination von mindestens drei gegen das HI-Virus wirksamen Arzneistoffen. Auch die HIV-Medikamente können sich gegenseitig beeinflussen. Teilweise werden die Wechselwirkungen gezielt ausgenützt, um die Wirkung eines Medikaments zu verstärken und so die Zahl der erforderlichen Tabletten verringern zu können. Andere Kombinationen werden nicht verschrieben, da sich die Wirkungen der Medikamente gegenseitig aufheben (z.B. Zidovudin (Retrovi“) + Stavudin (Zerit“)) oder die Nebenwirkungen deutlich verstärken (z.B. Didanosin (Videx“) + Zalcitabin ( Hivid“) könnten.

Vor allem bei Kombinationen, die Protease Inhibitoren (PIs) oder nichtnukleosidale Reverse Transkriptase-Inhibitoren (NNRTIs) enthalten, kann es notwendig sein, die Dosierung der einzelnen Medikamente zu steigern oder zu verringern. Die Wirkstoffspiegel im Blut sollten bei solchen Kombinationstherapien kontrolliert werden, um eine Über- oder Unterdosierung zu vermeiden.

nach oben


Wichtigste Vorsichtsmaßnahme - Sprechen Sie ehrlich mit Ihrem Arzt / Ihrer Ärztin!

Dieser Rat klingt banal, ist es aber nicht. Viele HIV-infizierte Menschen nehmen nicht nur eine HAART, sondern zusätzlich weitere Medikamente, z.B. zur Verhinderung Opportunistischer Infektionen oder zur Bekämpfung unerwünschter Arzneimittel-Nebenwirkungen. Über diese Medikamente und mögliche Wechselwirkungen wird Ihr Arzt / Ihre Ärztin als Verschreiber informiert sein. Wie sieht es aber mit Medikamenten aus, die Sie ohne Rezept in der Apotheke kaufen? Oder mit Vitaminen, Nahrungszusätzen oder komplementärmedizinischen Produkten? Häufig angewendete pflanzliche Substanzen, wie z.B. Johanniskraut (senkt die Plasmaspiegel von PIs) oder Knoblauchkapseln (senkt z.B. den Plasmaspiegel von Saquinavir (Invirase“, Fortovase“), könnten Ihre HIV-Therapie abschwächen oder unwirksam machen! Vergessen Sie nicht, mit Ihrem Arzt / Ihrer Ärztin auch darüber zu sprechen.

Wenn Sie bei mehreren ÄrztInnen in Behandlung sind (z.B. Frauenarzt/ärztin), vergessen Sie nicht, Ihre/n HIV-BehandlerIn darüber zu informieren, welche Medikamente Sie anderswo verschrieben bekommen haben.

Eine gute Methode ist es, zum Arzttermin alle Medikamente und Mittel, die Sie sonst noch einnehmen, mitzunehmen. So kann er/sie sich den besten Überblick verschaffen und das Risiko, das es zu Interaktionen kommt, so gering wie möglich halten.

nach oben


Legal, illegal ... – Egal - Drogen sind ein schwer abzuschätzender Risikofaktor!

Interaktionen mit Drogen sind ein schwieriges Thema, weil Drogen aufgrund ihrer Illegalität in gewisser Weise eine unbekannte Größe darstellen: Wirkstoffstärke, Wirkstoffmenge und Reinheit des Wirkstoffes sind nur schwer bis gar nicht abzuschätzen. Die Verstoffwechslung der Substanzen im Körper ist meist nicht genau erforscht. Auch über die Wechselwirkungen zwischen HIV-Medikamenten und Drogen ist relativ wenig bekannt, da kaum Studien dazu durchgeführt werden. Das meiste weiß man von einzelnen Fallbeispielen. So z.B., dass der PI Ritonavir (Norvir“) den Blutspiegel von Ecstasy vermutlich erhöht und es zu Überdosierungen kommen kann.

Auf jeden Fall sollten Sie gegebenenfalls auch über Drogen, wie Heroin, Kokain, Ecstasy, Speed, Marihuana etc. unbedingt mit dem Arzt / der Ärztin Ihres Vertrauens sprechen. ÄrztInnen sind durch die Schweigepflicht gesetzlich verpflichtet, Informationen, die sie von Ihnen erhalten, vertraulich zu behandeln.

Wenn Sie bei einem Methadon-Ersatzprogramm mitmachen, ist es wichtig zu wissen, dass es zu Interaktionen zwischen Methadon und NNRTIs oder PIs kommen kann, da Methadon in der Leber ähnlich verarbeitet wird. In manchen Fällen kann es nötig sein, die Methadon-Dosis oder die Dosierung der antiretroviralen Medikamente zu ändern.

Die Wirkung von Alkohol sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden: Alkohol verlangsamt den Verdauungsprozess und verlangsamt daher die Medikamentenaufnahme vom Magen-Darm-Trakt ins Blut.

nach oben


Na Mahlzeit! – Wie wichtig sind Ernährungsvorschriften?

Für die bestmögliche Wirksamkeit etlicher HIV-Medikamente ist es notwendig, sie auf nüchternen Magen, vor, zu oder nach einer Mahlzeit einzunehmen (siehe ASPEKTE 7 „HIV, Kombinationstherapie und Ernährung“). Es kommt nicht nur darauf an was, sondern auch wann Sie essen! Auch die Zusammensetzung des Essens kann Auswirkungen auf die Medikamente haben: Fettes Essen z.B. verstärkt die Wirkung vieler Arzneimittel. Grapefruitsaft hemmt z.B. den Um- und Abbau mancher Medikamente in der Leber oder kann die Konzentration der Magensäure verändern.

Ihr Arzt / Ihre Ärztin kann Ihnen dabei helfen, Mahlzeiten und Medikamenteneinnahme richtig aufeinander abzustimmen.

nach oben


Checkliste – Worauf soll ich besonders achten?

Im folgenden finden Sie einen Überblick über Substanzgruppen, die möglicherweise zu Wechselwirkungen mit Ihren HIV-Medikamenten führen können. Diese Liste ist keinesfalls vollständig. Sie soll Ihnen nur zeigen, in welchen Bereichen Vorsicht geboten ist, und Ihnen die Vorbereitung auf ein Gespräch mit Ihrem Arzt / Ihrer Ärztin erleichtern.

Rezeptpflichtige Medikamente
zur Behandlung von Allergien (Antihistaminika, Histamin-Rezeptor-Blocker)
zur Behandlung von Herzerkrankungen (Antiarrhythmika, Calciumantagonisten, Beta-Blocker)
zur Behandlung psychischer Störungen (Tranquilizer, Neuroleptika)
zur Behandlung von Magen-Darm-Bewegungsstörungen
zur Behandlung von Pilzen (Antimykotika)
zur Behandlung der Tuberkulose (Antituberkulotika)
zur Behandlung atypischer Mycobacteriosen
zur Behandlung von Migräne (Ergotaminderivate)
zur Behandlung von Epilepsie (Antikonvulsiva, Antiepileptika)
zur Behandlung von Schlafstörungen (Hypnotika)
zur Abschwächung der Magensäure (Antazida)
zur Senkung des Cholesterinspiegels (Lipidsenker, Statine)
zur Behandlung von Schmerzen (Analgetika)
zur Schwangerschaftsverhütung (orale Kontrazeptiva)
zur Gerinnungshemmung (Antikoagulanzien)

Rezeptfreie Medikamente
Johanniskraut (= Herba Hyperici)
Knoblauchkapseln

Drogen
Siehe oben!

Lebensmittel
Siehe oben!

nach oben

Text: Dr. Sigrid Ofner

Dieser Text ersetzt nicht das Gespräch mit einem Arzt/einer Ärztin! Besprechen Sie weitere Fragen mit den BeraterInnen Ihrer lokalen AIDS-Hilfe.

ASPEKTE, eine Informationsreihe der AIDS-Hilfen Österreichs